IMSOUANE

Mit Lars zum Mars

Imsouane – diesen Ort hatte ich nicht auf dem Schirm, als ich morgens losfuhr. Dafür aber Lars, erster Anhalter meines Lebens, den ich gegen Abend ungefähr 60 Kilometer vor Tagesziel einsammelte. Noch nie irgendwo einen Anhalter mitgenommen, wusste ich, an diesem Tag würde es so sein und ich hatte bereits ein Bild von ihm vor meinem inneren Auge. Mag für den ein oder anderen verrückt klingen, ist es aber nicht, zumindest nicht in der Welt, in der ich lebe.

Irgendwann stand er da, der Lars, mit monströser Reisetasche, dreckigem Beutel und einer Gitarre, die offensichtlich schon lange seine Reisebegleiterin war. Ich „erkannte“ ihn sofort! Trotzdem überlegte ich kurz, weiterzufahren, denn mir war klar, ich musste die halbe Wilma auf den Kopf stellen, um ihn und sein Gepäck unterzubringen. Außerdem sah er nicht aus, als würde er die Luftqualität innerhalb des Fahrzeuges verbessern, um es mal nett auszudrücken. Alles in allem war Lars eine einzige Herausforderung für mein völlig „vermonktes“ Wesen, aber ich sah ihn in diesem Moment eben nicht zum ersten Mal und so konnte ich meinem Impuls weiterzufahren nicht gestatten in diese Geschichte hineinzugrätschen.

Lars, der übrigens ein angenehmer Mitfahrer war, auch wenn er leider wie erwartet müffelte, wollte nach Imsouane – 15 Kilometer von meinem geplanten Übernachtungsplatz entfernt. Also dachte ich mir: Was soll’s? Komfortzone verlassen, blablabla, darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an und so weiter – gucke ich doch mal, was dieses Imsouane so kann.

Kaputt von der langen Fahrt verbrachte ich eine sehr unruhige Nacht verboten am Straßenrand einer Großbaustelle mit Mars-Charakter. Zudem hatte sich einer der vielen Straßenhunde, wohl nicht die hellste Kerze auf dem Hundekuchen, „Under Wilma“ als Pennplatz auserkoren und rammelte bei jedem nächtlichen Rudelaufruhr mit Karacho an Wilmas Unterboden. Dazu kam, dass dieser ganze Ort eine sehr niederdrückende Energie hatte und ich mich alles andere als wohl fühlte. Am Abend konnte ich den Grund dafür noch nicht ausmachen, aber am nächsten Tag kam ich nicht mehr drumherum.

Ein trauriger Hintergrund

Am nächsten Morgen wollte ich früh los, denn ich hatte mir vorgenommen, an diesem Tag Tafraoute zu erreichen, aber irgendwo ein Kaffee in der Sonne und ein bisschen Imsouane ansehen, sollte wohl drin sein. Doch an Kaffee war bald nicht mehr zu denken und obwohl ich weiterwollte, hielt mich dieser seltsame Ort noch bis nach Mittag gefangen.

Imsouane war ein kleines und schönes Surferörtchen, hatte mir Lars schon auf unserer Fahrt hierhin erzählt, bis die Regierung beschlossen hat, den Tourismus anzukurbeln und einen hippen Surfspot daraus zu machen. Es entstanden moderne Hostels und Cafés. Bis dahin war ich bereits im Bilde. Was ich aber erst an diesem Vormittag erfuhr: Vor wenigen Tagen wurde auch das restliche Dorf geräumt und der Wohnraum vieler Menschen einfach in Schutt und Asche gelegt. Diese Menschen hatten, laut Erzählung, nicht mal ausreichend Zeit, all ihr Hab und Gut einzupacken.

Kleidungsstücke, kaputtes Porzellan, Möbelstücke, Spuren vieler Leben konnte ich noch in den Trümmern entdecken, die ungefähr eine Woche zuvor ein Zuhause gewesen waren. Als wäre das nicht tragisch genug, kamen obendrauf noch unzählige Straßentiere, mehr als ich bisher irgendwo gesehen hatte. Und völlig surreal, wie in einer Parallelwelt, wenige Meter davon entfernt, gut besuchte neue Cafés voller Menschen bei Kaffee, Matcha Latte und Frühstücksbowl.

Wie benommen lief ich weiter durch dieses grauenvolle Trümmerfeld, weil es kaum anders ging, auf der anderen Seite die überwältigende Schönheit dieses Strandes. Ständig hatte ich eine neue liebesbedürftige Tierseele vor meinen Füßen oder etwas, das mal jemandem gehört hat und ganz offensichtlich nicht freiwillig zurückgelassen wurde. Hier und da ließ sich die vergangene individuelle Schönheit dieses Dorfes noch erahnen. Mosaike, bemalte Wände, kleine schiefe Häuser. Das alles sah nach ganz viel buntem Leben aus. Vergangenes Leben!

Warum das alles?

Warum war ich hier? Warum musste ich mir das ansehen? Warum war ich nicht in der Lage, einfach zu fahren? Ich konnte nicht begreifen, wie all diese Menschen so fröhlich in den Cafés vor ihrem Frühstück sitzen konnten, während es in ihrer unmittelbaren Umgebung so aussah. Hier konnte ich keinen Kaffee trinken. Davon wollte ich kein Teil sein!

Langsam machte ich mich auf den Rückweg und dann passierte es. Ich sah dieses kleine Kätzchen im Bauschutt liegen. Es ging ihm augenscheinlich gut und es lief weg, als ich näher kam. Doch dieser Anblick war der Tropfen, der das Fall zum Überlaufen brachte und berührte mich so sehr, dass der Gefühlsknoten endlich platze, den ich schon seit Tagen vergeblich versuchte zu entwirren. Alle Dämme brachen, ich hockte mich hin und konnte endlich, endlich weinen, wegen alldem um ich herum und alldem, was ich in den letzen Tagen bereits gesehen, was mich aber völlig kalt gelassen hatte.

Und dann wusste ich, warum ich hier gelandet war und weinte nochmal eine Runde aus tiefer Dankbarkeit. Endlich konnte ich das, was ich sah auch wieder fühlen. Ja, das war „alles“! Keine spektakuläre Geschichte hinter all dem. Für mich allerdings eine ziemlich wichtige Erfahrung, die ich nicht zum ersten Mal mache und die ich gerne hier konservieren möchte.

Ein paar persönliche Worte

Irgendwann in meinen sehr jungen Leben hat sich wohl eine Art Sicherheitssystem installiert, das sich gelegentlich aktiviert, wenn etwas in mir meint, das Maß an erträglichem Schmerz sei voll und minimal mehr könnte sowas wie „Genickbruch“ bedeuten. Ich mag diesen Zustand nicht, denn ich habe dann nur noch die Erinnerung, wie sich etwas anzufühlen hat, aber neue Gefühle selbst perlen an mir ab, wie Wasser an einer Teflonbeschichtung. Vorteil, der Stapel an emotionaler Belastung wächst nicht weiter an. Nachteil, Freude, Rührung, Mitgefühl, ein wie die Sonne aufgehendes Herz – bleiben ebenso auf der Strecke.

Wahrscheinlich hat mir dieser Überlebensmodus als Kind manches Mal das Leben gerettet, aber ich bin jetzt erwachsen (oder zumindest ausgewachsen) und möchte mittlerweile ganz gerne selbst entscheiden, ob ich etwas ertragen kann oder nicht. Doch bisher habe ich den Knopf noch nicht gefunden, um dieses Sicherheitssystem selbst bedienen zu können. Alles, was ich tun kann, habe ich im Laufe der Jahre gelernt, ist um Hilfe zu bitten, und für Gewöhnlich kriege ich sie auch relativ zügig. Dann regelt das Leben die Sache auf seine Weise und provoziert etwas wie eine Art Kurzschluss im System.

Warum erzähle ich das? In erster Linie mache ich diesen „ganzen Käse“ hier für mich, als Erinnerung, wie eine Art virtuelles Tagebuch gewissermaßen, und mich gibt es eben nur im Ganzen. Neben all dem lustigen Zeug, meinem sonnigen Gemüt, den alltäglichen kleinen und großen Abenteuern oder vielmehr Herausforderungen, gehört eben auch die ganze Scheiße dazu, die ich, wie viele andere auf dieser Welt auch, parallel durch mein Leben trage und die sich manchmal anfühlt, wie bei strömendem Regen mit den Füßen im knietiefen Morast stecken zu bleiben und keinen Millimeter mehr in irgendeine Richtung voran zu kommen. Dieser Morast verschwindet nicht einfach, nur weil ich meinen Kaffee gerade in der Sonne Nordafrikas trinke, er trocknet allenfalls etwas aus.

Und auch, wenn sich mein Ego bei steigender Besucherzahl auf diversen Plattformen gebauchpinselt fühlt, möchte mein Herz lieber die Menschen, seien es auch noch so wenig, die Texte wie diesen bis zum Ende lesen, weil es ihnen um mein wahrhaftiges Sein geht, mit all den dazugehörigen Facetten – den schönen, den lustigen, den verrückten, den melancholischen, den unbegreiflichen, aber eben auch den vom Leben hässlich zerschlissenen.

In diesem Sinne fällt mir meine Jacke wieder ein, die in Spanien übel zugerichtet wurde, als mich ein störrischer Eseln an einem Seil in Bauchlage über Stock und Stein gezogen hat, und die ich bis heute nicht geschafft habe, irgendwo nähen zu lassen, weil ich oft große Dinge wage, während mich ganz belanglose Alltäglichkeiten manchmal heillos ängstigen und überfordern. Mittlerweile kann ich damit umgehen, weil ich weiß, dass irgendwann der Tag kommt, an dem es kein Probleme sein wird, was momentan noch eines ist. Bis dahin laufe ich eben mit einem Flicken aus Gewebeband auf meiner Jacke durch die Gegend. Warm hält sie mich trotzdem!